S/Talk: Martin Busker, Regisseur von Grimmsberg 3D (Pro7)

Gepostet von Seba Canel am 28.10.2011

“Grimmsberg ist [..] eine Vision von jungen Filmemachern, die gerade von der Filmschule kommen und die bei ProSieben auf fruchtbaren Boden getroffen sind. Zwar mit sehr wenig Geld, aber dafür mit vielen Freiheiten.” — An diesem Halloween Samstag gibt’s beim Münchner Sender ProSieben Horror und Mystery im Marathon. Von früh bis spät. Mit dabei die Simpsons und ein neues, deutsches Mystery Format kreiert von jungen, aufstrebenden Filmemachern: Grimmsberg, die erste 3D-Serie der Welt. Und überhaupt, die erste echte 3D-Ausstrahlung im deutschen Fernsehen. [Photo oben: Patrick Mölleken (Hauptdarsteller, l.) und Martin Busker (Regisseur, r.).]

Über die Story von Grimmsberg ist bereits einiges bekannt, Teaser und Trailer laufen bei Pro7 und haben mittlerweile den Weg ins Netz gefunden, ebenso ein paar grundlegende Fakten zu den Köpfen hinter dem Projekt, daß eigentlich in seinen Ursprüngen als Webserie geplant war. Aber da gibt’s doch immer noch mehr, nicht wahr? Richtig!

Martin Busker, Regisseur von Grimmsberg spricht mit uns über die Idee hinter dem Projekt, den Ursprung des Formates, die Inspiration, die Dreharbeiten, Visual Effects und Greenscreening, die Zukunft der deutschen Mystery und die fleissigen Köpfe hinter den Kulissen. Wie ist es zu dem 3D-Projekt gekommen? Was hat den Ausschlag gegeben, daß ProSieben sich dem Format annimmt? Wie könnte die Zukunft von Grimmsberg im deutschen Fernsehen ausschauen? Und was hat eigentlich die Dämonenjägerin Buffy mit der Serie zu tuen?

Zunächst einmal: Wer seid ihr, was macht ihr? Wie ist es zu Eurem “kleinen Mystery Experiment” gekommen?

Martin: Das Kernteam von Grimmsberg besteht aus vier Leuten. Fabian Hebestreit hat das Konzept während seines Studiums zum Drehbuchautor an der Filmakademie Baden-Württemberg entwickelt, wo er gemeinsam mit Kathrin Tabler (Produktion) und mir (Regie) studiert hat.

ProSiebenSat.1 finanziert den Serienkurs an der Filmschule, in dessen Rahmen Fabian gearbeitet hat und stellt mit Joachim Kossack auch einen Big Fish des Sender als Dozenten. Dieser war von Grimmsberg begeistert und wollte die Umsetzung der Serie.

Kathrin Tabler wurde als Produzentin verpflichtet und ich als Regisseur. Klar war aber auch, dass kein großes Budget zur Verfügung steht und somit nur ein kleiner Auszug als Testballon für das Internet gedreht werden konnte.

Uns war schnell klar, dass eine Blamage vorprogrammiert ist . Denn mit unter 100.000 Euro zu versuchen Mystery an Originalmotiven zu produzieren hätte eine weitere peinliche Webserie bedeutet, die kein Mensch sehen will. Ich schlug vor aus der Not eine Tugend zu machen. Ein befreundeter Visual Effects Artist hatte gerade einen Spielfilm (Snowblind) nach dem gleichen Verfahren realisiert, das schon die Macher von Sin City genutzt hatten: Die Greenscreen. Nur die Schauspieler und wichtigen Requisiten werden vor einer grünen Wand inszeniert, der Rest entsteht als digitale Animation später im Computer.

Ich bat um einen Termin bei ProSieben und stellte das neue Prinzip der stirnrunzelnden Redakteurin vor. Doch ihr gefiel es zunehmens und so wurde die Idee geboren, dass Grimmsberg im Studio und in einer aufwändigen Computerarbeit entstehen wird. Dadurch konnte viel Geld gespart und gleichzeitig ein Look generiert werden, der die Serie zu etwas besonderem macht. Somit war dann mit Bastian Schreitling, dem VFX-Artist, der vierte Mann im Boot. Gemeinsam mit etwa 25-30 weiteren Leuten begannen wir wenige Monate später die Dreharbeiten.

[Photo oben: Martin Busker, Kathrin Tabler, Bastian Schreitling und Florian Langanke.]

Wenn die Macher über Ihre Projekte sprechen, liest sich das immer anders als in den Medien: Also, was ist “Grimmsberg”?

Martin: Grimmsberg ist eine Mystery-Saga aus den Händen eines Autors und einer Crew, die selbst Serien lieben und die selbst nicht selten über die kläglichen Versuche des deutschen Fernsehens ihre Stirn gerunzelt haben, wenn versucht wurde US-TV zu kopieren.

Die Serie möchte Mystery erzählen, dabei auch spannende Jugendthemen beleuchten und versteht sich vor allem als character-driven. Wir können zwar mit diesem Testballon nur einen kleinen Bruchteil dessen zeigen, was das Konzept hergibt, aber wir hoffen, dass die Zuschauer das Potential erkennen.

Wenn man bedenkt, dass das Geld nur für 8 Drehtage reichte, ich sogar selbst schneiden musste da kein Cutter “drin” war und die Animationscrew mit nur zwei Leuten auskam, müsste jedem klar werden, was aus Grimmsberg werden kann wenn es finanziell auf soliden Beinen steht. Wir zeigen mit unserer Methode, dass kreative und anspruchsvolle phantastische Serien in Deutschland auch bei deutschen Budgets möglich sind, wenn die Beteiligten alle selbst daran glauben und nicht wie üblich den Auftrag bekommen haben, etwas erfolgreiches zu kopieren. Autor, Produktion, Regie und TV-Redaktion haben hier kräftig an einem Strang gezogen.

Zudem ist Grimmsberg deutscher als es aussieht. Die Grimm-Märchen als Geschichten und der Harz als Handlungsort mit all seinen Mythen bieten Potential für viele deutsche Themen. Grimmsberg ist also eine Vision von jungen Filmemachern, die gerade von der Filmschule kommen und die bei ProSieben auf fruchtbaren Boden getroffen ist. Zwar mit sehr wenig Geld, aber dafür mit vielen Freiheiten.

[Photo: Lili Zahavi, Gerrit Klein, Kiara Lillian und Aaron Keller.] MEHR PHOTOS

Was hat Euch inspiriert?

Martin: Der Autor ist ein großer Buffy Fan und wurde davon stark zu dieser Serie inspiriert, auch wenn sie sich im Endeffekt durch die neue Umsetzung wenig ähneln. Bastian Schreitling und ich brachten beim Umsetzungsansatz unser Interesse für Comic Verfilmungen ein.

ProSieben-Geschäftsführer Jürgen Hörner soll von Grimmsberg begeistert gewesen sein, hat zugeschlagen, Euch das Vertrauen geschenkt und zeigt die eigentlich als Webserie geplante Mystery im Free TV. Und dann auch noch zur besten Sendezeit am Samstag Abend. Was habt Ihr gemacht? Seid Ihr eines schönen Tages einfach in Unterföhring reinspaziert, und habt die Karten knallhart auf den Tisch gelegt?

Martin: Wie weiter oben beschrieben, ist ProSieben schon in der Filmakademie auf den Stoff aufmerksam geworden. Aber wir wollten mehr und es auf unsere Art machen. Wir haben uns konsequent innovativ an die Sache gemacht und alle bisherigen Arbeitsweisen über Board geworfen. Unser und auch ihr eigenes Glück war, dass ProSieben mitgezogen hat.

Die verantwortliche Redakteurin Yvonne Weber hat das Potential unserer Vision erkannt und hat die Leine sehr locker gelassen. Wenn wir merkten, dass etwas in die falsche Richtung geht, haben wir so lange gemeinsam gekämpft, bis wir uns durchgesetzt haben. Als dann die ersten Muster fertig waren und endlich alle Verantwortlichen schwarz auf weiß Bilder zu sehen bekamen, wurde der Sender plötzlich ganzheitlich zum Fan.

Nach der ersten Vorführung in Stereo 3D war dann endgültig klar: Das wäre zu schade nur fürs Web. Wir müssen es ins TV bringen. Die Qualität war natürlich nie auf eine Ausstrahlung ausgelegt. “Quick and dirty but beautiful” war unser Motto. Aber es war schnell beschlossen. Grimmsberg wird gemeinsam mit den Simpsons die Halloween-Primetime am Samstag Abend bestellen. So wurde aus einem kleinen Projekt für das sich keiner interessiert hat plötzlich die erste 3D-Serie der Welt und die erste echte 3D-Ausstrahlung überhaupt im deutschen Fernsehen. Wer hätte das gedacht?

Erzählt mal das, was wir so nicht zu sehen, lesen oder hören bekommen: Wie war das beim Casting, beim Dreh und hinter den Kulissen? Da ist doch immer irgendwas, das ganz nett zu wissen ist, oder nicht? Wie war das bei Euch? Wieviele Leute haben mitgewirkt?

Martin: Casten mussten die Produzentin Kathrin Tabler und ich aus Personalmangel auch komplett selbst. Sie durchstöberte die Agenturen und ich schaute fleißig Demovideos. Gecastet wurden ausschließlich erfahrene Nachwuchsschauspieler, weil bei der kurzen Drehzeit jeder Satz sitzen musste und es keine Probentage gab. Gecastet wurden insgesamt 30 Schauspieler in Berlin und Köln. Mit den Schauspielern bin ich aber mehr als zufrieden. Die jungen Darsteller hatten auch keine Probleme mit dem Schauspiel in einem völlig leeren, grünen Raum. Hier war viel Phantasie gefragt. Manchmal waren sie sogar nicht mal zeitgleich am Set.

Aufgrund der knappen Drehtage war es manchmal Logistisch garnicht anders möglich, dass Gespräche zwischen zwei Rollen an unterschiedlichen Tagen gedreht wurden. Es gab dann einen Anspielpartner der später digital durch den anderen Schauspieler ersetzt wurde. Technisch war alles möglich. Aber es brauchte soviel Köpfchen wie nie, da noch den Durchblick zu behalten.

Das Studio war bescheiden klein und bot die Greenscreen nur in eine Richtung. Wollte man also nach einer Aufnahme in die Gegenrichtung drehen, hat man nicht die Kamera umgebaut, sondern die Schauspieler-Anordnung und die Lampen um 180 Grad gedreht. Es gab am Set nur wenige Leute die wussten, wie das später aussehen würde. Für Storyboards oder ähnliche Visualisierungen war weder Zeit noch Geld da. Für Kathrin war als Produzentin klar, dass aus jedem Cent das Optimum rausgeholt werden muss. Also haben wir nur dort investiert, wo es unbedingt sein musste und auf viele Annehmlichkeiten verzichtet.

Das Projekt lebte davon, dass alle Beteiligten am Set mir und VFX-Artist Bastian Schreitling wirklich blind vertrauten. Dass jeder Satz sitzen musste ist übrigens kein Spaß. Ich hatte am Set meistens nur Zeit für 2 oder maximal 3 Takes einer Einstellung. Ich musste 7 Minuten am Tag drehen, was dem Niveau einer Vorabendserie entspricht, aber dabei noch die aufwändigen VFX-Bedingungen unterbringen. So mussten viele Einstellungen für die spätere 3D-Auswertung in mehreren Schichten gedreht werden.

Am Set wurde eine normale 2D-Kamera verwendet, die digitale Welt später wurde in 3D angelegt. In diesem 3D-Raum sind die Schauspieler irgendwo als Ebene angeordnet. Wenn jetzt aber ein Schauspieler näher an der Kamera stand als ein anderer, wurde zunächst die ganze Szene mit dem vorderen gedreht, dann die ganze Szene mit dem Hinteren. So was hatte bisher keiner der Beteiligten jemals ausprobiert, aber es hat geklappt.

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft von Grimmsberg? Und was steht bei Euch als nächstes an?

Martin: Wir möchten, dass die Serie auf solide finanzielle Beine gestellt wird. Denn man kann leicht erkennen, was daraus werden kann, wenn ein reales Budget vorliegt. Dabei reden wir nicht von einem Multimillionen-Budget wie in Hollywood, sondern von TV-üblichen Geldern.

Wir können mit unserer Methode für das Budget eines Tatort einen Spielfilm in einer abgefahrenen phantastischen Welt spielen lassen, die sich mit Hollywood messen kann. Wir möchten zeigen, dass unser Team in Partnerschaft mit ProSieben in der Lage ist, besondere Geschichten auf deutschem Boden zu erzählen und dass Anspruch und Unterhaltung keine Widersprüche sind, wie oft in Deutschland diskutiert.

Wir wissen, dass die Ausstrahlung am Samstag noch ihre Schwächen hat. Aber jeder der sich einigermaßen auskennt, wird das Potential erkennen und hoffentlich dafür sorgen, dass es weiter geht. Wir haben die Chance die traurige Lücke an Teenager-Serien in der deutschen TV-Landschaft zu schließen und hoffen, dass sie genutzt wird.

Vielen lieben Dank für das Interview, an Martin Busker, Regisseur von Grimmsberg.

Weiterführende Links:
Inoffizielle Fanpage
Grimmsberg auf ProSieben
Offizielle FacebookPage
Martin Busker
Fabian Hebestreit [IMDb]
Kathrin Tabler [IMDb]
Bastian Schreitling


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